Die Entwicklung der altdeutschen Schrift

Die altdeutsche Schrift oder Kurrentschrift entstand ab dem Spätmittelalter. Bereits vor Erfindung des Buchdrucks kam es ungefähr ab 1370 zu einer Explosion der Schriftlichkeit. In Verwaltung, Handel und Gewerbe, im religiösen Bereich und im Alltag schrieben die Menschen so viel wie nie zuvor. Dabei entwickelten sich verschiedene Schriftarten auf Grundlage der karolingischen Minuskel, die unter Karl dem Großen im 8. Jahrhundert entstanden war.

Ab dem 13. Jahrhundert schufen die Schreiblehrer erstmals Frakturschriften. Die bisher runden Buchstaben wurden gebrochen, das Ergebnis war die gotische Minuskel (siehe Abb.). Sie fand in Deutschland, England und Frankreich als Buchschrift Verwendung. Da sie sich nur langsam schreiben lässt und Bedarf an einer schneller zu schreibenden Verkehrs- und Urkundenschrift bestand, wurde ab dem 14. Jahrhundert die gotische Kursive entwickelt. Deren Buchstaben zeigten die Tendenz, sich stärker miteinander zu verbinden. Ihre Formen waren jedoch örtlich sehr verschieden.

Gotische Minuskel

Eine Vereinheitlichung der altdeutschen Schrift erreichte der Schreibmeister Johann Neudörffer der Ältere (1497-1563). Er vereinfachte die Kleinbuchstaben, die er aus der Fraktur übernahm, und verband sie durch sogenannte „blinde Linien“. Mit seinem Schreiblehrbuch Eine gute Ordnung vnd kurtze vnterricht … Zierlichs schreybens, das 1538 in Nürnberg erschien, schuf er einen Standard mit nachhaltiger Wirkung. Neudörffers Schüler verbreiteten seine Schreibkunst im deutschsprachigen Raum. Damals unterschied man drei Schriftarten der altdeutschen Schrift:

  • die Frakturschrift als Buchschrift, die sich eher langsam schreiben ließ,
  • die Kurrentschrift (von lat. currere „laufen“) als Verkehrsschrift im Alltag und
  • die stilistisch dazwischenstehende Kanzleischrift (siehe Abb.) als Aktenreinschrift.

Kanzleischrift

Im 18. Jahrhundert prägte vor allem der Schreibmeister Michael Baurenfeind die altdeutsche Schrift. Für die Großbuchstaben entwickelte er statt der traditionellen Frakturform eine schreibgerechtere Kurrentform. Die Form der Kurrentschrift als Steilschrift mit leichter Linksneigung der kurzen Grundstriche und Rechtsneigung der langen Aufstriche setzte sich durch.

Aufgrund der stärkeren Verbreitung des Schulwesens seit dem 16. Jahrhundert lernten immer mehr Menschen die altdeutsche Schrift bzw. Kurrentschrift. In Preußen wurde die Schulschrift 1714 erstmals normiert. Dabei orientierte man sich an den Vorlagen des Schreibmeisters Hilmar Curas. Bald verbreiteten sich deren spitze Formen auch in anderen deutschen Ländern.

Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte sich in der altdeutschen Schrift nach englischem Vorbild eine neue Stilrichtung. Der markante Schwellzug der Buchstaben benötigte statt der breiten Vogelkielfeder die Spitzfeder als Schreibwerkzeug. Die spitze Stahlfeder löste die Gänsekielfeder ab und wurde seit 1856 in Deutschland fabrikmäßig hergestellt.